Universitätsklinikum Heidelberg
Medizinische Klinik und Poliklinik
Abteilung für Allgemeine Klinische Medizin und Psychosomatik

Patienteninformation über Fibromyalgie

 

Wie entsteht das Fibromyalgie-Syndrom?

Eine allgemein akzeptierte Theorie zur Entstehung der Fibromyalgie gibt es noch nicht. Es lassen sich jedoch einige Veränderungen auf körperlicher Ebene und im Befinden nachweisen. Es ist aber noch unklar, ob diese Veränderungen die Ursache der Erkrankung sein könnten oder erst als Folge der Erkrankung entstehen.
Folgende Theorien werden zur Zeit diskutiert, wobei sie sich gegenseitig nicht ausschliessen müssen, sondern es durchaus mehrere Faktoren gleichzeitig geben kann, die ein Entstehen der Erkrankung begünstigen.

Genetische Veranlagung
Es gibt eine familiäre Häufung der Erkrankung. Häufig leiden andere weibliche Familienangehörige von Fibromyalgie-Patientinnen ebenfalls an dieser Erkrankung. Erstaunlicherweise trifft dies auch für nicht blutsverwandte Familienmitglieder zu.

Neurotransmitterveränderungen
Einige Botenstoffe im Nervensystem (Neurotransmitter) liegen in veränderten Konzentrationen vor. Neurotransmitter sind wichtig für die Weiterleitung eines Reizes vom Entstehungsort über periphere Nerven und das Rückenmark ins Gehirn. Auf dem Weg vom Entstehungsort zum Gehirn kann der Reiz durch verschiedene Mechanismen im Rückenmark verstärkt oder abgeschwächt werden.
Bei Fibromyalgie-Patienten wurden erhöhte Werte der schmerzverstärkend wirkenden "Substanz P" und erniedrigte Werte des schmerzdämpfenden "Serotonins" in der Rückenmarkflüssigkeit gefunden. Dies würde die erniedrigte Schmerzschwelle bei der Erkrankung erklären.

Schmerzverarbeitungsstörung
Chronische Schmerzen können sich gewissermaßen als Spuren in das Gehirn einprägen. Die Schmerzempfindung ist dann erlernt und hat zu strukturellen Veränderungen im Gehirn geführt. Dies kann dazu führen, daß das Gehirn auch später sensibler gegenüber solchen Schmerzreizen ist. Auch somit kann erklärt werden, warum die Schmerzschwelle bei Fibromyalgie-Patienten nachweislich niedriger ist als bei Gesunden.

Hormonelle Veränderungen
Einige Hormone können in veränderten Konzentrationen vorliegen. Diese Hormonveränderungen findet man aber auch bei Menschen mit chronischem Stress. Das führte zu der Frage, ob Patienten mit einer Fibromyalgie schon vorher an chronischem Stress leiden und ob dieser ein Entstehen der Erkrankung begünstigt, oder ob der Stress erst durch die Erkrankung selbst entsteht.

Ursachen in der Lebensgeschichte der Patienten
Da Körper und Seele eine Einheit bilden und sich zum Beispiel Spannungen und Überlastungen (auch solche aus der Vergangenheit) in körperlichen Schmerzen ausdrücken können, liegen manchen Schmerzerkrankungen auch psychische Ursachen zugrunde. Daher ist zum Teil organisch kein ausreichender Befund festzustellen. Dies möchten wir an einem Beispielerklären:
Patienten berichten manchmal, dass sie von Kindesbeinen an schwer körperlich arbeiten mussten. Diese frühe Be-, und oft auch Überlastung, hat sich dann häufig in der Lebensgeschichte fortgesetzt und dazu geführt, dass man sich nicht ausreichend um seine eigenen Bedürfnisse hat kümmern können. Schmerzen entstehen dann als Folge dieses Ungleichgewichtes und können als eine Art Signal verstanden werden, dass etwas sozusagen im Untergrund im Argen liegt, auch wenn man es nicht immer bewußt so erlebt und zum Teil auch schon "abgehakt" glaubt. Es ist sehr wichtig, sich auch diesen Themen in ausreichendem Maße zu widmen und Aspekte der eignen Lebensgeschichte zusammen mit dem Arzt im Hinblick auf Ihre Symptome besser zu verstehen.
Auch bei der Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen können psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen. Dies sind z.B. eine ständige Überlastung, Mangel an Erholungsphasen, zu hohe Erwartungen an sich selbst.
Und nicht zuletzt können schwierige Lebenssituationen eine Rolle bei der Aufrechterhaltung der Schmerzen spielen, wie z.B. Zukunftsängste, Angst um den Arbeitsplatz oder finanzielle Unsicherheit, Überlastung durch die Pflege eines kranken Familienangehörigen, Verlust von nahestehenden Mitmenschen.

 

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